Brücken bauen, DER Lion

Interview mit Ulrike Luz von Anne Katrin Peters, 1/07

Ulrike Luz begleitet Jugendliche auf ihrem Weg ins Berufsleben und kennt daher die Sorgen und Zukunftspläne junger Menschen.

DER Lion: Frau Luz, Sie beraten Jugendliche bei der Auswahl des beruflichen Werdegangs. Wie machen Sie das?

Ulrike Luz: Meistens kommen Jugendliche in der Oberstufe zu mir, wir setzen uns einen Tag zusammen und erarbeiten konkrete Tipps. Es geht nicht nur darum, was man kann sondern auch was man mag. Hierfür führe ich psychologische Tiefeninterviews, wir machen psychologische Fragebögen, Rollenspiele und Präsentationen zu Themen, die dem Berufswunsch naheliegen. Parallel dazu werte ich immer aus, so dass ich wenn ich eine Tendenz erkenne in diese Richtung weiterarbeite. Der Tag endet dann mit einem Feedback, einer konkreten Empfehlung und passender Literatur.

DER Lion: Und wie ist Ihre Trefferquote?

Ulrike Luz: Frontal daneben lag ich noch nie. Ich habe mit allen meinen Kunden noch mindestens ein Mal im Jahr Kontakt.

DER Lion: Gibt es denn Menschen, die keine Begabung haben?
Ulrike Luz: Nein, obwohl das die Angst vieler ist. Wenn Eltern sagen "Mach was Du möchtest", stehen die Jugendlichen vor einem Entscheidungsproblem. Viele sind finanziell nicht darauf angewiesen zu jobben und dabei erste Arbeitserfahrungen zu sammeln. Eltern sollten ihre Kinder früher an das Berufsleben heranführen, nicht mit Praktika sondern mit einem kontinuierlichen kindgerechten Job. Die Jugendlichen sollen mit anpacken und Teil eines Teams und eines Prozesses sein, obwohl die Eltern lieber ein hochgestochenes Praktikum wollen. Außerdem kennen Eltern ihre Kinder am besten und sollten daher Tipps bei der Berufswahl geben.

DER Lion: Haben Jugendliche Angst vor der Zukunft?
Ulrike Luz:: Nicht vor der Zukunft. Sie haben mehr die Sorge schaff ich das, erfüll ich die Erwartungen. Früher war das Ziel glücklich zu sein, heute muss man erfolgreich sein und viel Geld verdienen. Die Eltern haben oft sehr viel erreicht, weshalb sich die Kinder häufig selbst unter Druck setzen. Es gibt auch Jugendliche, die alles schluren lassen, aber die meisten wollen den "richtigen" Weg gehen und die "beste" Uni besuchen.

DER Lion: Gibt es objektiv den einzig richtigen Weg? Dann wäre ja Ihre Beratung recht einfach ...
Ulrike Luz: Was das Beste ist hängt natürlich von der Persönlichkeit ab. Das macht auch die hohe Abbrecherquote aus, weil viele vorher nicht reflektieren was sie können und wollen. Nur weil jemand in der Schule nicht gut in Mathe ist, bedeutet das nicht, dass ein Studium mit Matheanteilen wie BWL nicht in Frage kommt. Noten sind nicht entscheidend für die Begabung. Und Jugendliche die ihrer Begabung nachgehen, machen ihren Weg. Es ist dann eine große Bestätigung für sie und die Eltern, wenn die Jugendlichen beispielsweise die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule schaffen oder die Professoren sie loben.

DER Lion: Was erwarten junge Menschen von der Zukunft? Haben sie eine genaue Vorstellung?
Ulrike Luz: Erstaunlich wenige. Die Eltern könnten schon mehr darauf hinarbeiten, dass sich Jugendliche Gedanken darüber machen, was ihnen wichtig ist und in welchem Umfeld sie später leben wollen. Viele Manager sind sehr unglücklich, weil sie zwar Erfolg haben, aber nicht zu den Bedingungen, die ihnen wichtig sind. Wenn jemand beispielsweise seine Heimat sehr mag, sollte er nicht umziehen nur weil es alle anderen machen. Da muss man sehr ehrlich zu sich sein, was schwierig ist, wenn beispielsweise alle Kommilitonen ins Ausland streben und man selbst in der Behörde um die Ecke arbeitet, aber damit glücklich ist. Auch beispielsweise das Ziel "Ich will viel Geld verdienen" muss man sich eingestehen und dann einen bestimmten Beruf ergreifen.

DER Lion: Folgen die Jugendlichen denn dieser Empfehlung?
Ulrike Luz: Das bedeutet häufig ein Loslassen des alten Umfelds, was schwierig ist. Aber wenn jemand die Erkenntnis hatte, was sein Weg ist, geht er diesen auch. Außerdem kann er sich ja nach dem Studium noch mal umentscheiden und hat dann schon einige mehr Indizien, wo es langgehen soll.

DER Lion: Haben sich die Zukunftsüberlegungen der Jugendlichen verändert?
Ulrike Luz: Heute sind es mehr langfristige Ängste: Kann ich mir was aufbauen, wenn ich parallel die Rentner "durchfüttern" muss. Die erste Angst ist aber immer, ob man das Studium schafft. Von dem Schock "Ich hab's nicht geschafft" wenn man das Studium abbrechen muss, erholen sich wenige. Das hängt einem ewig nach. Angst vor Arbeitslosigkeit kommt erst in der Examensphase.

DER Lion: Gibt es einen Universaltipp, den Sie allen Berufssuchenden mit auf den Weg geben können?
Ulrike Luz: Deutlich auf sein Bauchgefühl hören und mehr leisten als man muss. Außerdem sollte man sein Hobby behalten, denn ansonsten nimmt der Beruf zu viel Raum ein. Wer ein Hobby hat freut sich auf seine Freizeit und nutzt sie, andere sind schneller mit ihrer Kraft am Ende. Und wenn man doch das Gefühl hat, sich falsch entschieden zu haben, gibt es noch viele Umwege, die man gehen kann. Man muss nur seine Nische finden.

DER Lion: Was wäre Ihr Wunsch für die Jugendlichen?
Ulrike Luz: Meine Leistung können momentan nur diejenigen nutzen, die selbst dafür bezahlen. Dabei müsste es eine solche Beratung an jeder Schule geben. Das würde Sozialkosten und Kosten an der Uni sparen. Für die Jugendlichen wäre es wichtig, dass sie jemand auf ihrem Weg begleitet. Diese Brücke ist absolute Zukunftsarbeit. Denn das was ich jetzt mache ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

 
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