Kinderarzt

Christian R., 63, aus Bremen

Bitte nennen Sie uns Ihren Beruf:
Ich bin Kinderarzt und habe fast ausschließlich im Kinderkrankenhaus gearbeitet, zunächst als Assistenz-, dann als Oberarzt. Überwiegend war ich für die Betreuung von Früh- und Neugeborenen verantwortlich. Im Juni 2011 habe ich aufgehört zu arbeiten.

Bitte skizzieren Sie uns einen Ihrer typischen Arbeitsalltage:
Morgens um 8.00 Uhr war Visite auf der Intensivstation für Früh- und Neugeborene. Die Situation der in der Nacht aufgenommenen und der kranken Kinder vom Vortag wurde vom Nachtdiensthabenden dargestellt, eventuell erforderliche diagnostische und therapeutische Maßnahmen wurden dann in Absprache mit den Schwestern festgelegt. Im Anschluß an diese Visite wurden Vorsorgeuntersuchungen (die sogenannte U2) bei den gesunden Neugeborenen durchgeführt.
Um 10.00 Uhr wurde dann eine ausführliche Visite auf einer der Stationen der Kinderklinik mit Schwerstern und Ärzten durchgeführt. Anwesend war 1mal pro Woche regelmäßig eine Sozialpädagogin, bei Bedarf auch eine Psychologin. Danach mußten Ultraschalluntersuchungen von Kopf, Herz, Lunge, Abdomen, Hüftgelenk etc. durchgeführt werden. Dann war die Bewertung EKG´s und EEG´s (Hirnstromkurve) durchzuführen. Junge Kolleginnen und Kollegen wurden in diese Methoden eingewiesen und zur selbständigen Durchführung angeleitet.
Um 12.30Uhr fand eine gemeinsame Besprechung aller Ärzte statt: die neu aufgenommenen Kinder wurden vorgestellt, administrative Probleme wurden erörtert und 1mal/Woche fand eine Fortbildungsveranstaltung statt, die von den Ärzten reihum zu gestalten war.
Nach der Mittagspause, ab 14.00 Uhr, wurden Briefe für die niedergelassenen Kollegen gelesen und korrigiert und spezielle Krankhheitsprobleme von Kindern bearbeitet. Am Nachmittag fanden dann Informationsgespräche mit den Eltern kranker Kinder statt. Eine Visite auf der Intensivstation um 16.00 Uhr mit den Ärzten des Spät- und Bereitschaftsdienstes beendete den offiziellen Arbeitstag.
Ca. 1mal pro Woche war ich zur Teilnahme an Arbeitsgruppen, wie z.B. der Transfusionskommission, der AG für Fehlermanagement, dem AK für Neonatologie u.a. verpflichtet.
Ca. 1-2mal pro Woche hat jeder Oberarzt, in unserer Klinik auch der Klinikleiter, Bereitschaftsdienst bis zum nächsten Morgen, am Wochenende meistens von Freitag bis Sonntag einschließlich.

Schildern Sie uns die wichtigsten Anforderungen.
Was muss man können?
Ein abgeschlossenes Medizinstudium ist Voraussetzung für die Neonatologie, Kardiologie, Neurologie, Ultrasonographie etc. In den letzten Jahren sind weitere Subspezialitäten dazu gekommen. Darüber hinaus ist man ja neugierig auf das, was sich Weiterentwicklung des Fachgebiets nennt; lebenslanges Lernen ist inzwischen für alle, auch nach Abschluss der Weiterbildung, Pflicht. Der Umgang mit Kindern macht in der Regel immer Freude und ist eigentlich keine Anforderung; der Umgang mit kranken Kinder und ihren Eltern ist aber schwerer und manchmal auch frustrierend. Er ist durch anleitende Ärzte erfahrbar und lernbar. Der Umgang mit Kollegen und dem Pflegepersonal gehört in der Klinik ganz wesentlich zum Arbeitsalltag. Kenntnisse in professioneller Mitarbeiterführung und Achtung der Schwestern über den Arbeitsauftrag sind sehr wichtig für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Kenntnisse in der EDV und von Sprachen werden von den meisten schon vor oder während des Studiums erworben. Die Hauptaufgabe besteht aber anfänglich im Verfassen von Arztbriefen: für viele Ärzte eine Hürde, es lässt sich systematisch erlernen und macht dann meistens auch Freude.

Was für ein Mensch muss man für diesen Beruf sein?
Lebensfreude, Kreativität, Leistungs- und Hilfsbereitschaft, Gewissenhaftigkeit und Bescheidenheit sind wesentlich. Die Wege zur Medizin sind vielfältig. Manchmal braucht man Ermutigung im Gespräch durch gute Freunden oder in der Familie.

Welche fachlichen, aber auch sozialen Anforderungen werden dafür gebraucht?
Fachlich gehören naturwissenschaftliche, medizinische, und technische Kenntnisse zum Fundament. Psychologische und ethische Grundlagen sind ungemein wichtig. Die sozialen Anforderungen sind vielfältig, Offenheit anderen Menschen gegenüber, auch dann wenn sie aus anderen Bevölkerungsschichten oder Kulturkreisen stammen, gehört dazu. Man muß sich auf das Niveau der Kranken einstellen können , um entsprechend aufklären zu können. Je größer die Gruppe, mit der man zusammenarbeitet, um so mehr wird auch dort nicht nur ärztliche Kompetenz erforderlich sein. Die Komplexität der Aufgabe sollte einen aber nicht schrecken, im Gegenteil!

Was reizt Sie besonders an Ihrem Job?
Mein Berufsalltag war von Anfang an ausgesprochen vielfältig und hat sich stetig weiterentwickelt. Das habe ich als reizvoll empfunden. Was ist schwierig und nervt vielleicht manchmal? Vielfalt kann dazu führen, dass man zu viele Dinge anpackt und selber machen will. Leider kann nicht überall perfekt sein. Wenn man das von Anfang an weiß, dann ist es leichter, als wenn man das erst während des Studiums und der Arbeit erfahren muss.

Was war bisher Ihre größte Herausforderung?
Der Umgang mit eigenen und fremden Fehlern.

Bitte beschreiben Sie kurz Ihren persönlichen Werdegang.
Wie sind Sie auf Ihren Beruf gekommen?
Nach Abitur und 4 Jahren bei der Bundesmarine hatte ich viele Interessen, z.B. auch für Psychologie. Einen unbedingten Berufswunsch hatte ich nicht. Nach vielen Gesprächen mit einem Freund habe ich mich dann für das Medizinstudium entschieden, anfänglich mit dem Berufswunsch: Psychiater. Die spätere Entscheidung, Kinderarzt zu werden, hat sich im Verlauf der Ausbildung nach dem Staatsexamen eher zufällig ergeben.

Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Die erste Stelle nach dem Examen erhielt ich in der Uni-Kinderklinik in Heidelberg . Wir wurden in der Klinik ernst genommen und unserem Wissen entsprechend auch gefordert. Die Arbeitsatmosphäre war insgesamt von hohem wissenschaftlichen Anspruch geprägt, der aber nicht unangenehm war. Der ärztl. Direktor, Prof. Bickel, war ein ausgesprochen kenntnisreicher und zugleich bescheidener, gar nicht autoritärer Chef. Entsprechend gut war auch das Arbeitsklima.

Was sind die nächsten geplanten Karriereschritte?
Meine Arbeit in der Klinik habe ich beendet. Irgendwann hatte ich eine sehr selbständige Position und entschied mich gegen einen erneuten Klinikwechsel; die Nachteile wären zu groß gewesen.

Was würden Sie jungen Menschen in Hinblick auf Praktika, Ausbildung und Studium empfehlen?
Praktika - auch im Ausland - sind ungemein wichtig: kommen entsprechende Sprachkenntnisse dazu, dann erhöht sich selbstverständlich - auch für einen selbst - der Wert. Ein - nicht zu starrer Plan - für Studium und Ausbildung ist wichtig, ca. 10 Jahre Ausbildung lassen sich nicht detailliert im voraus strukturieren. Neben Studium und beruflicher Tätigkeit bleibt sicher weniger Zeit für Hobbys und Sport, als man sich das wünscht, man sollte sie aber nicht aufgeben und in der Fülle des Stoffes versinken.

Welche bietet Ihr Beruf in Zukunft?
Mediziner werden immer gebraucht, für die Kinderheilkunde ist bei abnehmender Kinderzahl in Deutschland und verbesserter Versorgungsstruktur aber auch mit abnehmender Zahl der benötigten Kinderärzte zu rechnen. Wer diesen Beruf aber ergreifen will, der sollte dieses Ziel auch verfolgen, aber nicht enttäuscht sein, wenn es nicht klappt. Es gibt im medizinischen Arbeitsfeld so viele interessante Tätigkeiten, so dass für jeden etwas dabei ist. Auch wenn Kinderheilkunde ein etabliertes Fach ist, so bleibt sie in Problemsituationen auf die Kooperation mit Hautärzten, Chirurgen, Augenärzten, Orthopäden, Physiotherapeuten, Kinderpsychologen und - psychiatern etc. angewiesen.

Welche Herausforderungen oder Veränderungen sind zu erwarten?
Zum Teil sind die Veränderungen, die im Fachgebiet Kinderheilkunde zu erwarten sind, schon angeklungen. Grundsätzlich ist aber zu erwarten, das Verständnis für Krankheitsprozesse zunehmen wird. Die Behandlungsformen werden gezielter und schonender durchführbar sein. Gesundheitserziehung und Krankheitsprävention werden wichtige Aufgaben bleiben. Die psycho-sozialen Probleme werden zunehmen. Der Trend zur kürzeren Verweildauer in den Kliniken wird sich fortsetzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 
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