Tanja M. aus München, 32 Jahre
Bitte nennen Sie uns Ihren Beruf: Der Bereich Industriedesign ist sehr weitläufig: von der Kaffeetasse über Spielzeug bis hin zu Industrieanlagen und Autos ist alles vertreten. Ein Industriedesigner ist verantwortlich für die Gestaltung von Produkten, seien es Kleinserien oder Massenproduktion, und muss dafür alle Aspekte des Produktes berücksichtigen: Mensch-Maschine, Ergonomie, Lebenszyklus, Verwendungszweck, Nachhaltigkeit usw.
Bitte skizzieren Sie uns einen Ihrer typischen Arbeitsalltage: Den typischen Arbeitsalltag zu schildern ist schwierig, da es ihn bei mir in völlig unterschiedlichen Ausrichtungen und Varianten gab und gibt. Die Hauptunterscheidung ist die, ob ich in einem kleineren Designbüro arbeite und ein Projekt habe, was ich komplett betreue oder aber in einem Automobilkonzern und eher auf einzelne Objekte fokussiert bin. Im Designbüro ist man für das jeweilige Projekt verantwortlich und in alle Arbeits- und Entscheidungsprozesse involviert. Der Vorteil ist der, dass die Entscheidungswege kurz sind und Entscheidungen entsprechend schneller gefällt werden können, als in großen Unternehmen. Das erleichtert das Arbeiten ungemein. Das Arbeitsspektrum bedeutet Recherche, Telefonate, Modellbauerstellung, mal schnell aus dem Büro laufen und Materialien dafür einkaufen über Rendern, Präsentationserstellung, dem Druck der Präsentation und die anschließende Bindung sowie Messebesuche. Als ich in der Designabteilung Color and Trim in einem großen Automobilunternehmen arbeitete, ging es um Leder, Autoaußenlacke und Kunststoffteile. Der Arbeitsbereich richtet sich hier sehr stark danach, woran man arbeitet, wofür man eingesetzt ist. Das ist abteilungsrelevant. Zum Beispiel kann es der Außenspiegel eines PKWs sein, den man entwickelt. Die Arbeit ist auf das Produkt begrenzt. Es geht viel um Materialien und Farben und deren Umsetzung, das heißt Lieferantengespräche und Abnahme der Proofs. Man arbeitet intensiv am Detail und hat dafür nicht so sehr das Gefühl für das große Ganze. Anschließend arbeitete ich im selben Automobilkonzern im Bereich Design & Accessoires. Diese Abteilung wurde völlig neu aufgebaut und so hatte ich hier im Bereich Design sehr wohl das Gefühl für das große Ganze. Der Aufbau und die Neuentwicklung machen ohnehin besonderen Spaß und stellen eine große, spannende Herausforderung dar. Es geht um einzelne, in sich abgeschlossene Produkte und deren Entwicklung, die im direkten Anwendungskontext zum Automobil stehen.
Schildern Sie uns die wichtigsten Anforderungen. Was muss man können? Immer in Abhängigkeit davon welchen Bereich Design man für sich definiert sollte man - analytisch und interdisziplinär denken können - kreativ denken und eine Problemstellung klar erkennen - flexibel im Denken - handwerklich geschickt sein → Modellbau - räumlich denken - Computeraffin sein und die gängigen Programme erlernen wollen: 3D Modellierung, 2D Technische Zeichnungen, Bildbearbeitung (Adobe CS) - Handskizzieren (einfache Scribble reichen für einige Arbeitgeber, andere legen Wert auf Handrenderings)
Was für ein Mensch muss man für diesen Beruf sein? Man muss sehr flexibel und kreativ sein. Dabei muss sich kreativ nicht unbedingt darauf beziehen, dass man 20.000 Ideen auf einmal hat, sondern eher auf die Herangehensweise, an eine Problemstellung und die Annahme des Selbst: Definiere, wie du am Besten arbeitest und stehe dazu! Nicht jeder ist ein Zeichengott, sondern vielleicht eher der "Bastler" oder "Denker" oder Computerfreak oder, oder, oder. Außerdem muss man in erster Linie sich selbst gut verkaufen können: Die Kommunikation des Produktes ist entscheidend, auch schon während des Studiums. Und schließlich muss man selbstbewusst und ausdauernd sein: Auch Design wird subjektiv betrachtet und nicht jeder mag das Gleiche.
Welche fachlichen, aber auch sozialen Anforderungen werden dafür gebraucht? Es ist immer empfehlenswert vor dem Studium eine handwerkliche Ausbildung zu absolvieren. Man muss sehr belastbar sein. Es gibt Tage und Wochen, an denen man erst um fünf Uhr morgens nach Hause kommt, da ein Präsentationstermin bevorsteht. Man muss sich in andere Menschen, besonders in Kunden und die Zielgruppe hineinversetzten können, abgekoppelt vom eigenen Liking.
Was reizt Sie besonders an Ihrem Job? Es gibt keinen Stillstand und es eröffnen sich ständig neue Herausforderungen an denen man sich ausprobieren und erweitern kann. Man arbeitet auf unterschiedlichen "Baustellen": Recherche, Kundengespräche, Modellbau, Lieferantengespräche, Design, in gewisser Weise auch Marketing usw. Man kann sich also sehr vielseitig einbringen und austoben ;-)
Was ist schwierig und nervt vielleicht manchmal? Eine kontinuierliche Zeitplanung ist so gut wie nicht machbar. Es gibt immer Hoch-Zeiten, die sehr stressig sein können und dann gibt es auch wieder Zeiten, in denen man nicht weiß, was man mit seiner Zeit machen soll. Designer ist man immer! Das sollte einem vorher klar sein. Auch wenn man den Arbeitsplatz verlässt, arbeitet man doch immer weiter. Alles was man in der Umgebung wahrnimmt ist Inspiration und Input.
Was war bisher Ihre größte Herausforderung? Meine gestalterische Definition von Design: Meine eigene Formensprache zu finden und zu vertreten.
Bitte beschreiben Sie uns kurz Ihren persönlichen Werdegang. Wie sind Sie auf Ihren Beruf gekommen? Zunächst wollte ich Kunst studieren, das schien mir jedoch schnell brotlos zu sein. Dann dachte ich über Kunstgeschichte nach, dort fehlte mir aber der entsprechende Realitätsbezug zum Erlebbaren der jeweiligen Zeit. Mir die vielen Daten zu merken, schien mir wenig reizvoll. So kam ich auf Japanologie, weil mich Sprache und Ausdruck faszinieren. Dabei störte mich, dass die Sprache sehr schwer zu lernen ist und ich kam für mich zu dem Schluss, dass ich eher „hands on“ arbeiten möchte. Was nach all den Überlegungen blieb, ist die Faszination für Sprache und Ausdruck. So ging ich nach Australien und studierte am Queensland College of Art (Bachelor), also an einer künstlerisch ausgerichteten Hochschule das Fach Produktgestaltung. Das schien mir die ideale Verbindung für Sprache und Ausdruck zu sein. Um mein Profil auch technisch abzurunden, ging ich anschließend nach Darmstadt und studierte Industriedesign (Diplom). Wie in jedem Studium geht es auch hier darum, stets lernbereit zu sein und für sich selbst das Wichtigste herauszuziehen. Es geht nicht darum, jedem zu gefallen, sondern sich selbst seinen eigenen Ausdruck zu erarbeiten. Keiner legt einem in die Hand, was gute Gestaltung ist, das ist meine eigene Aufgabe gewesen.
Warum haben Sie sich dafür entschieden? Design ist international, man kann überall arbeiten.
Was sind die nächsten geplanten Karriereschritte? Die Selbstständigkeit und ich freue mich darauf!
Was würden Sie jungen Menschen in Hinblick auf Praktika, Ausbildung und Studium empfehlen? Ich würde auf jeden Fall eine handwerkliche Ausbildung vor dem Studium empfehlen. Die Hochschule/Akademie sollte gut ausgewählt sein. Jede Einrichtung verfolgt eine andere Linie. Manche sind eher "künstlerisch", andere strickt technisch ausgelegt. Und auch dann sind alle sehr unterschiedlich. Man sollte sich vorher also im Klaren darüber sein, welche Erwartung man an seine Design-Ausbildung stellt. Einen guten Überblick geben auch Praktika. Man kann kurz hereinschnuppern und erkennt, ob es für einen selbst passt.
Welche Chancen bietet Ihr Beruf in Zukunft? Welche Herausforderungen oder Veränderungen sind zu erwarten? Alles ist Gestaltung, daher bietet der Beruf sehr vielseitige Perspektiven. Der Mensch ist in seiner Wahrnehmung im Wesentlichen auf visuelle Eindrücke ausgerichtet, über 80% nimmt er über das Sehen auf. Daher ist die professionelle Produktgestaltung eine der wichtigsten Aspekte eines Objektes, denn sie haben auch für das spätere Marketing und die Kaufentscheidung des Kunden einen sehr hohen Einfluss. Die Spezialisierungen nehmen zu. In den Bereichen Automotive, 3D, Konstrukteure, Möbel, Schmuck, Konsumgüter, um nur einige zu nennen. Diese werden zunehmend feiner in der Differenzierung. – Daneben ist auch unbedingt noch das Feld der Designtheorie zu erwähnen, welches als eigenständige "Spezialisierung" genannt werden muss. Auch sie entwickelt sich ständig weiter. Schließlich wird die interdisziplinäre Vernetzung immer bedeutender, um ein ganzheitliches Produkt zu gestalten, das heißt die Zusammenarbeit mit Ingenieuren, Technikern und anderen Fachleuten. Die letzte Wirtschaftskrise hat jedoch deutlich gezeigt, dass gerade im Bereich Gestaltung als erstes eingespart und verzichtet wird.
Wir danken für das Gespräch!
|